Sie stehen vor einem Funktionsmodell eines Voith-Schneider-Propellers. Er ist das Herzstück einer besonderen Antriebstechnik, die den großen Motorschiffen auf dem Bodensee ihre hohe Manövrierfähigkeit verleiht. Die Geschichte des Voith-Schneider-Propellers ist eng mit der Geschichte der Bodan-Werft verbunden. Im weiteren Text erfahren Sie mehr zu den geschichtlichen Hintergründen, zur Funktionsweise des VSP und über die Entstehung des Modells.
Alles begann im April 1931. Ein sonniger Tag, wie er schöner für die Bodan-Werft kaum hätte sein können: Der Stapellauf der MS Ravensburg stand bevor – das erste Schiff der Werft, das mit zwei Voith-Schneider-Propellern ausgestattet war.

Wie kam es dazu? Die Ära der Dampfschiffe neigte sich dem Ende zu. Moderne Motorschiffe waren gefragt, und der Dieselantrieb verdrängte zunehmend die Dampfkraft. Bereits 1929 hatte die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft ihr erstes Schiff mit Schraubenantrieb, die MS Allgäu, bei der Deggendorfer Werft bauen lassen. Auch die Schwesterschiffe MS Kempten und MS Augsburg sollten dort mit Schraubenantrieb entstehen. Bald jedoch zeigte sich: Die MS Allgäu ließ sich wegen ihrer hohen Aufbauten in engen Häfen wie Lindau, Meersburg oder Friedrichshafen – insbesondere bei starkem Seitenwind – nur schwer manövrieren.
Genau zu dieser Zeit kam ein neuer Antrieb auf den Markt: der Voith-Schneider-Propeller (VSP). Schon 1928 hatte die Firma Voith mit dem Versuchsboot Torqueo eindrucksvoll die außerordentliche Wendigkeit dieses Systems demonstriert. Der Name „Torqueo“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet: „Ich drehe mich.“ Die Deutsche Reichsbahn-Gesellschaft, die die Versuche aufmerksam verfolgte, erkannte darin eine Lösung für die Probleme der MS Allgäu. Die mit herkömmlichen Propellern angetriebenen Bodensee Schiffe hatten bei den engen Häfen, wie Lindau, Meersburg, Friedrichshafen, beträchtliche Schwierigkeiten. Letztlich war für die Bestellung der Fahrgastschiffe mit VSP-Antrieben deren Manövrierfähigkeit, die der VSP einem Schiff verlieh, ausschlaggebend.
Die Deggendorfer Werft schlug daher vor, statt der ursprünglich bestellten Schraubenpropeller die neuen Voith-Schneider-Propeller in die MS Kempten und MS Augsburg einzubauen. Da zudem ein drittes Schiff – die MS Ravensburg – bei der Bodan-Werft in Auftrag gegeben war, konnten die Kosten für die sechs benötigten VSP gesenkt werden. So erhielten alle drei Schiffe den neuartigen Antrieb.

Die feierliche Inbetriebnahme für die drei Schiffe fand am 5. Juni 1931 zwischen Lindau und Konstanz statt.
Das Prinzip des VSP ist einfach und bestechend zugleich. Der Voith–Schneider–Propeller vereint Antrieb und Steuerung in einem einzigen System.

Auf einer kreisförmigen Antriebsscheibe am Schiffsboden sind je nach Ausführung vier bis acht verstellbare Schaufeln angebracht. Durch die Rotation der Scheibe und die gezielte Verstellung der Schaufelwinkel entsteht ein stufenlos regulierbarer Schub in jede gewünschte Richtung. Das System reagiert innerhalb von Sekundenbruchteilen auf Steuerbefehle und ermöglicht präzises Manövrieren, selbst unter schwierigen Bedingungen.

Ab 1934 wurde dieser Antrieb auf der Bodan-Werft verbaut. Heute fahren fast alle Schiffe auf dem Bodensee mit diesem Antrieb und bieten damit ein Höchstmaß an Sicherheit für Passagiere und Schiffe.
Fotos: Voith AG, Heidenheim
1923 hatte Ernst Schneider, Wiener Student des Maschinenbaus, erstmals die Idee eines Schraubenpropellers. 1924 meldete er einen Schraubenpropeller mit Vogel Flügelprofilen zum Patent an. 1925 kam es zur Kontaktaufnahme mit der Firma Voith. Um seine Ideen der Fa. Voith zu präsentieren, musste Herr Schneider für die Fahrt nach Heidenheim ein Darlehen aufnehmen. Die anschließenden Versuche mit der Fa. Voith brachten nicht die gewünschten Ergebnisse. Im Sommer 1925 zog sich die Firma Voith von diesen Versuchen zurück. 1926, nachdem Ernst Schneider sich mit den Wels Antrieben und später mit dem Kirsten Propeller befasst hatte, meldete er seine Weiterentwicklung der Firma Voith. Im Februar 1926 kam es zu ersten Gesprächen. Im Mai 1926 wurde erneut ein Vertrag über die Zusammenarbeit zwischen Herrn Schneider mit der Firma Voith abgeschlossen. Im Juni 1926 wurde das Patent „Schaufelrad“ von Ernst Schneider in Deutschland angemeldet.
1927 wurde ein Versuchsboot mit einem VSP gebaut und die Ergebnisse übertrafen alle Erwartungen. Das Boot erhielt den Namen „Torquero“.
1930 baute die Deggendorfer Werft ein Schubboot namens „UHU“. Dieses kam erstmals auf der Donau zum Einsatz.
1931 ließ die Firma Voith ähnlich gelagerte Patente von dem schwedischen Ingenieur C.B. Strandgren und dem amerikanischen Professor Kirsten prüfen. Um nicht in einen späteren Patentstreit zu geraten, wurden die jeweiligen Interessen definiert und die Parteien verständigten sich darauf. Fa. Voith beschränkte sich auf Anwendungen im Wasser, Strandgren verfolgte ähnliche Ideen wie Schneider, jedoch mit einem anderen Lösungsansatz. Kirsten konzentrierte sich auf Anwendungen für die Luftfahrt. Damit waren die Patente der Fa. Voith vor Streitigkeiten geschützt und die Produktion der Antriebe konnte beginnen.
Ernst Schneider war fasziniert von Erfindungen, Experimenten und dem Ziel, ein marktfähiges Produkt zu kreieren. Dieser Vision ordnete er alles andere unter. Der Abschluss seines Studiums, welches er zum Großteil schon absolviert hatte, war ihm nicht wichtig, obwohl dieser ihm in Österreich viel Anerkennung gebracht hätte.
1931 beauftragt die Deutsche Reichsbahn – Gesellschaft, die Fahrgastschiffe MS Kempten und MS Augsburg, bei der Deggendorfer Werft und die MS Ravensburg bei der Bodan-Werft.
Damit begann für die Bodan-Werft ein neuer Zeitabschnitt. Der Bodensee wurde zur Wiege des Voith-Schneider-Propellers. Der Bau von hoch manövrierfähigen Fahrgastschiffen auf dem Bodensee war geboren. Über die folgenden Jahre erfolgte eine stete Weiterentwicklung durch die gute Zusammenarbeit seitens der Bodan-Werft mit der Firma Voith. Der Erfolg dieses Antriebes dauert bis zum heutigen Tag an.
Der Voith-Schneider-Propeller hat sich weit über den Bodensee hinaus etabliert. Besonders in Bereichen mit hohem Manövrierbedarf spielt er seine Stärken aus:
• Hafenschlepper: In engen Hafenanlagen und beim Schleppen von Containerschiffen ermöglicht der VSP punktgenaues Positionieren, Drehen auf der Stelle und hohe Schubkraft bei geringer Geschwindigkeit.
• Offshore-Schiffe: Versorgungsschiffe und Plattformversorger profitieren von der schnellen Richtungsänderung und stabilen Lagekontrolle auch bei starkem Seegang.
• Fähren und Flussfahrgastschiffe: Auf Flüssen mit engen Fahrrinnen oder bei hohem Verkehrsaufkommen ermöglicht der VSP ein sicheres Anlegen, selbst bei Seitenwind und Strömung.
• Spezialschiffe: Einsatz in Feuerlöschbooten, Forschungsschiffen, Polizeibooten und Amphibienfahrzeugen, bei denen hohe Wendigkeit erforderlich ist.
• Minensuchboote: Um ein bestimmtes Seegebiet nach Minen abzusuchen, bedarf es einer präzisen Steuerung des Bootes durch das vorgegebene Suchfeld.
Heute sind weltweit mehrere Hundert Schiffe mit Voith-Schneider-Antrieben ausgerüstet – von Japan bis Kanada, von Australien bis Norwegen.
Die Internationale Flottensternfahrt der Bodensee- und Rhein- schifffahrtsunternehmen zeigt jährlich die hohe Manövrierpräzision der VSP-Antriebe: Die teilnehmenden Schiffe formieren sich in einer sternförmigen Anordnung und manövrieren in enger Abstimmung aneinander vorbei.

Ein traditioneller Höhepunkt ist der Sektausschank zwischen zwei Bootsmännern. Besser kann man kaum die Präzision der VSP-Antriebe auf dem Bodensee demonstrieren.

Am 17. September 2025 übergab Herr Lothar Brück der Gemeinde Kressbronn am Bodensee dem Amt für Tourismus ein Funktionsmodell des Voith-Schneider-Propellers. Dieses Modell soll interessierten Besuchern die Funktionsweise des Antriebs anschaulich vermitteln. Die Übergabe fand im Rahmen einer kleinen Feier statt.
Der Schiffsmodellbauverein Goldach (Schweiz) war mit zwei Modellen, der MS Schwaben und der MS Stuttgart, vertreten.
Die Veranstaltung eröffnete Herr Dr. Böttcher, der in seinen einleitenden Worten die Bedeutung des Voith-Schneider-Propellers für die Bodan-Werft hervorhob. Anschließend sprach Herr Brück über die Geschichte dieses innovativen Antriebs. Danach berichtete Herr Schweiger, Konstrukteur und Erbauer des Modells, von den Herausforderungen, die mit der Darstellung der Funktionsweise in einem Modell verbunden sind. Zum Abschluss erinnerte Herr Trtanj, ehemaliger Werftmitarbeiter, mit lebendigen Geschichten und Anekdoten an die damalige Werft.
Herrn Lothar Brück, Gästeführer in der Bodan-Werft vom Amt für Tourismus war es ein Anliegen, die Funktion des VSP für Besucher anschaulich zu machen. Da Schaubilder allein nicht ausreichten, begab er sich im Jahr 2024 auf die Suche nach einem geeigneten Modell. Ein Exponat im Kornhausmuseum in Rorschach existierte zwar, war jedoch nicht mehr zugänglich.
Im Herbst 2024 lernte er in Oberkirch einen Modellbauer kennen, der sich bereit erklärte, ein funktionales Modell zu bauen. Die Vorgaben: mobil, auf Rollen fahrbar, etwa 70 cm Durchmesser und 120 cm Höhe. Anfang Juli 2025 war die Rohfassung fertiggestellt. Parallel dazu erhielt er von der Bodensee-Schiffsbetriebe GmbH Bildmaterial und Literaturhinweise. Besonders hilfreich war der Hinweis auf das Seemuseum Kreuzlingen, Schweiz, wo Modelle des Konstanzer Schiffsführers Hubert Bossart ausgestellt sind. Diese waren jedoch zu klein oder zeigten nicht die Mechanik der Schaufelverstellung.
Dazu schrieb das Seemuseum: Der ehemalige Schiffsführer Hubert Bossart aus Konstanz hat eine Vielzahl von Anschauungsmodellen und massstabgetreuen Propellern für Modellschiffe hergestellt. Diese Modelle gab er vor allem an Modellbauer weiter, welche diese dann in ihren Schiffen verbauten. Hubert Bossart ist 2004 verstorben.
Anmerkung: Damit waren die Schiffmodelle des SMC Goldach ausgestattet.
Im November 2024 war er auf die Modellbaumesse in Friedrichshafen. Dort war auf dem Stand des SMC Goldach, einem Schweizer Modellbauverein, die MS Schwaben und MS München als Modell ausgestellt, mit jeweils zwei VSP-Antrieben.
Im Mai 2025 wandte er sich an die Firma Voith, Heidenheim, um Details zu dem Voith-Schneider-Propeller zu erhalten. Freundlicherweise wurde ihm das Buch «Faszination Voith-Schneider-Propeller» aus dem Koehler-Verlag überlassen. Es war hilfreich, um die Entwicklung des Propellers zu verstehen (siehe «Geschichte»).
Anfang Juli 2025 war das geplante Modell in seiner Rohfassung fertig.
Das neue Modell besteht zum größten Teil aus Holz. Die Trägerstruktur wurde aus lackiertem Sperrholz gefertigt, während bewegliche Teile aus Gelenkwellen und Gleitlagern bestehen, um Stabilität und Langlebigkeit zu gewährleisten. Eine manuelle Kurbel simuliert die Rotation der Antriebsscheibe, während ein Exzentermechanismus die Schaufelverstellung sichtbar macht. Das Modell ist auf einem fahrbaren Gestell montiert und lässt sich leicht im Raum bewegen. Die Funktionalität des neuen Modells bildet nun realitätsnah die Verstellmechanik der Schaufeln ab und eignet sich ideal für Anschauungszwecke.
Idee und Projektierung
Lothar Brück
88079 Kressbronn a.B.
Konstruktion und Bau
Ludwig Schweiger
77704 Oberkirch
Mitgewirkt haben:
J.M. Voith SE & Co. KG
89522 Heidenheim
Stadtwerke Konstanz
78467 Konstanz
Seemuseum
CH-8280 Kreuzlingen
Gestiftet von:
Lothar Brück
88079 Kressbronn a.B.
Quellen:
Voith GmbH & Co. KG
Bodan-Werft
Seemuseum Kreuzlingen
BSB Bodensee-Schiffsbetriebe GmbH
KI
